Katja Eichhorn

Ich bin in Thüringen aufgewachsen und war schon immer kreativ. Tanzen, Musik, Singen, Malen. alles, was mit Ausdruck zu tun hat, war meins. Das waren auch die einzigen Bereiche, in denen ich in der Schule wirklich gut war. Alles andere hat mich nicht interessiert. Ich konnte mich nicht konzentrieren, habe vieles nicht verstanden und heute weiß ich, warum. Ich habe ADHS. Damals wurde das leider nicht erkannt.


Stattdessen habe ich irgendwann angefangen zu glauben, dass ich falsch bin. Ich habe Depressionen entwickelt, hatte schlechte Noten und zusätzlich Dyskalkulie. Ich habe mich durch die Schule gekämpft, ohne zu verstehen, was eigentlich mit mir los ist. Irgendwann habe ich verstanden, wie das System funktioniert. Wenn du etwas erreichen willst, brauchst du gute Noten, egal wie.


Also habe ich mich reingehängt. Ich habe meinen Realschulabschluss gemacht, die Ausbildung zur Erzieherin begonnen und währenddessen mein Abitur nachgeholt. Ich war Jahrgangsbeste, hatte einen Schnitt von 1,5 und in der Mathe-Abschlussprüfung sogar eine 1. Nicht, weil ich es verstanden habe. Sondern weil ich alles auswendig gelernt habe. Formeln umstellen kann ich bis heute nicht. Und genau das zeigt eigentlich alles. Dieses System bewertet dich nach Leistung, nicht danach, wie du wirklich bist oder was du kannst. Und es suggeriert dir schon früh: Du bist nur gut, wenn deine Noten gut sind.

Ich habe später als Erzieherin gearbeitet. Und dort habe ich gesehen, wie früh Kinder anfangen, genau das zu glauben. Wie sie angepasst werden, wie sie „funktionieren“ sollen, obwohl ihr Nervensystem dafür oft gar nicht gemacht ist. Ich habe gemerkt: Das ist nicht mein Weg. Dann wurde ich krank. Ich habe Rheuma entwickelt, konnte nicht mehr tanzen und meinen Beruf nicht mehr ausüben. Und so hart das war, es war auch ein Wendepunkt.


Ich musste hinschauen.
 Und ich habe angefangen, hinter die Dinge zu blicken.


Als ich meine Tochter bekommen habe, wurde mir endgültig klar, wie viel fehlt. Spätestens mit dem Start in die Schule habe ich gemerkt: Es gibt viel zu wenig Bücher, die wirklich helfen. Die Kinder verstehen lassen, wie sie funktionieren. Die Eltern zeigen, was wirklich dahinter steckt. Also habe ich angefangen, selbst zu schreiben. So ist die Luna-Reihe entstanden. Und später auch Nero, ein Buch speziell für Kinder.


Gleichzeitig ist mir auch auf einer ganz anderen Ebene etwas bewusst geworden. Schon in der Schwangerschaft habe ich gemerkt, wie wenig ehrlich Frauen miteinander sind. Wie viele Themen nicht ausgesprochen werden. Wie viele Dinge beschönigt werden, obwohl sie es nicht sind. Und ich habe mich oft gefragt: Was wäre gewesen, wenn ich das alles vorher gewusst hätte? Vielleicht hätte ich mich anders vorbereitet. Vielleicht hätte ich manche Dinge bewusster entschieden. Genau deshalb spreche ich heute darüber. Weil ich finde, dass das keine Tabus sein sollten.


Ich habe in meinem Leben viele Dinge angefangen und nicht beendet. Ich habe oft gezweifelt. Ich habe mich nie wirklich gut genug gefühlt. Und selbst heute ist dieses Gefühl manchmal noch da. Dieses „Es reicht nicht. Es ist nicht gut genug.“ Dieses klassische ADHS-Ding: Du erschaffst etwas, aber kannst es selbst kaum fühlen. Und genau deshalb bedeutet mir das hier so viel.


Mit „Felia Feder“ habe ich zum ersten Mal etwas aufgebaut, das ich wirklich zu Ende führe. Etwas, worauf ich stolz bin, auch wenn sich dieses Gefühl manchmal noch ungewohnt anfühlt. Das hier ist für mich mehr als Arbeit. Es ist auch ein Stück Verarbeitung. Und ich hoffe, dass es genau das auch für andere sein kann. 

Dass sich Menschen darin wiederfinden.

 Dass sie sich verstanden fühlen.
 Und dass sie anfangen, sich selbst ein bisschen anders zu sehen.